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Umsteuern mit Energiesteuern |
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Marktinstrumente für Arbeit und Umwelt |
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(Stand 09.09.08) Paradigmenwechsel für Wirtschaftswissenschaften notwendig!Von Jürgen Grahl und Gerhard Hübener Ökonometrische Untersuchungen an verschiedenen Universitäten und Hochschulen widersprechen den Grundannahmen der vorherrschenden wirtschaftswissenschaftlichen Modelle. Die Ergebnisse sind so gravierend, dass sie einen Paradigmenwechsel bei den Wirtschaftswissenschaften erforderlich machen. 1. In den 90er Jahren wurde das Bild vom fehlgesteuerten Tanker Marktwirtschaft geprägt, welcher mittels einer Ökologischen Steuerreform auf sinnvollen Kurs gebracht werden sollte. Mit Hilfe von Ökosteuern sollten Energie- und Umweltverbrauch verteuert, der Faktor Arbeit im Gegenzug von hohen Steuern und Abgaben entlastet werden. Politisch durchgesetzt hat sich jedoch die Agenda 2010: Ballast abwerfen, damit der Tanker noch mehr Fahrt bekommt. 2. Die Befürworter der Ökologischen Steuerreform sind in die Defensive geraten. Eine Verteuerung der Energie durch Ökosteuern, zusätzlich zum steigenden Ölpreis, gilt als schlecht vermittelbar, weil angeblich unsozial und unverträglich für Wirtschaft und Beschäftigung. Wenn eine stärkere Besteuerung von Energie gefordert wird, dann nur noch in Verbindung mit der ökologischen Seite der Reform. Damit gerät aber nicht nur die soziale Seite der Reform in Vergessenheit; gleichzeitig wird die Lenkungswirkung (deren mögliche Radikalität in dem Grundsatz der Aufkommensneutralität: "nicht mehr, sondern andere Steuern" begründet war) entscheidend geschwächt. Ein Neuanfang erfordert eine tiefergehende Begründung der Reform. 3. Quantitative Untersuchungen zu Produktion und Wirtschaftswachstum in Deutschland, Japan und den USA weisen nun nach, dass der billige Produktionsfaktor Energie weitaus produktionsmächtiger ist als der teure Faktor Arbeit. Aus dem gleichen Grund bevorzugen Kapitalgeber solche Unternehmen, in denen die Produktion vor allem durch
energiegetriebene Maschinen, Automaten und Computer erfolgen kann. Vernachlässigt bis hin zur
Schließung werden hingegen personalintensive Bereiche, bei
denen eine Automatisierung nur schwer möglich und meist gar nicht
sinnvoll oder wünschenswert ist. So verschwinden mittelständische
Handwerks- und Reparaturbetriebe zunehmend zugunsten der
automatisierten Massenproduktion von Wegwerfgütern aus billigen, aber
energieintensiv hergestellten Grundstoffen. 4. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen widersprechen zentralen Grundannahmen der vorherrschenden neoklassischen Wirtschaftsmodelle. Diese Annahmen besagen, dass
Außerdem steht die zweite Annahme im absoluten Widerspruch zu den Hauptsätzen der Thermodynamik, welche auch als das „Grundgesetz des Universums“ bezeichnet werden. [9, S. 13] (4) 5. Mit falschen Modellen kann man die Realität auch nur verzerrt abbilden. Das Resultat einer darauf aufbauenden Politik sehen wir: Massenarbeitslosigkeit, Finanzkrise bei Sozialsystemen und öffentlichen Haushalten, selbst das Klima gerät aus dem Gleichgewicht. Notwendig ist ein Paradigmenwechsel, der von den empirisch feststellbaren Produktionsmächtigkeiten ausgeht und insbesondere die Energie als entscheidenden Produktionsfaktor anerkennt. 6. Das neue Modell liefert, im Gegensatz zu den bisherigen, auch eine Erklärung für bisher nur unzureichend verstandene Phänomene der modernen Volkswirtschaft:
7. Die wichtigste Forderung, die sich aus dem neuen Paradigma ergibt: Wir müssen die Schieflage zwischen den Faktoren Energie und Arbeit ausgleichen, die falschen Kostenverhältnisse an die reale Produktionsmächtigkeit der Faktoren anpassen. Wer nicht will, dass dazu die Löhne massiv gesenkt werden (im Wettbewerb mit den niedrigen Lohnkosten in Osteuropa oder Asien), der muss das bisher auf Individuen und juristische Personen angewandte Prinzip der „Besteuerung nach Leistungsfähigkeit“ auf die Produktionsfaktoren erweitern. Die daraus resultierende Formel: „Besteuerung von Energie statt Arbeit“ ist nicht neu, aber weitaus radikaler als dieselbe Forderung innerhalb der Ökologischen Steuerreform.(6) (7) 8. Mit diesem Denkansatz müssen altbekannte Rezepte und Scheinlösungen als ungeeignet abgelehnt werden:
9. Für eine solche Reform ist mittelfristig eine europäische Lösung anzustreben. Wir müssen aber nicht darauf warten. Die Einführung solcher Steuer-Modelle auf nationaler Ebene liegt im Interesse der beteiligten Staaten und Volkswirtschaften: eine Verschiebung des Kostendrucks von der Arbeit weg zur Energie ist die wohl sinnvollste Weichenstellung für den Arbeitsmarkt (11), entlastet öffentliche Haushalte und Sozialkassen und schafft gleichzeitig günstige Rahmenbedingungen für Zukunftsinnovationen und -investitionen. 10. Die zentrale Begründung der Ökologischen Steuerreform: die Durchsetzung des Verursacherprinzips für soziale und ökologische Folgeschäden, kann sehr gut mit dem neuen produktionstheoretischen Ansatz verknüpft werden (siehe Gesundheitsreform) und ist Grundlage insbesondere für eine spezifische Steuerung des Marktes: zum Beispiel im Bereich des Gesundheitswesens (Gesundheitsabgaben z.B. auf Tabak, Alkohol, fett- und zuckerreiche Lebensmittel), des Verkehrs (City-Maut, Schwerverkehrsabgabe), der Landwirtschaft (Stickstoff- und Pestizid-Abgabe u. a.) und des Klimaschutzes. 11. Es ist nicht nur möglich, sondern dringend geboten, die notwendige Umsteuerung des Marktes mit den Reformen und Entscheidungen im politischen Alltag zu verknüpfen.(12) Das setzt allerdings die Auseinandersetzung mit alten Leitbildern wie die Klarheit über die neu einzuschlagende Richtung voraus. (13) 12. Die hier skizzierte wirtschaftswissenschaftliche und -politische Wende wird nur möglich sein, wenn die Diskussion aus dem kleinen Kreis der beteiligten Wissenschaftler und Ingenieure in die Öffentlichkeit getragen wird. Die skizzierten grundlegend neuen Ansätze brauchen schon deshalb die Unterstützung von Umwelt- und sozialen Bewegungen, weil ein solch grundlegender Paradigmenwechsel erfahrungsgemäß auf erheblichen Widerstand dogmatischer Verteidiger der alten Lehrmodelle stoßen wird. (>> Dogmen)
Fußnoten: (1) "Die Produktionsmächtigkeit der Energie ist in den industriellen Wirtschaftssektoren
etwa so groß wie die Produktionsmächtigkeiten von Kapital und Arbeit zusammen
und um einen Faktor 10 größer als der Kostenanteil der Energie an den
Gesamtfaktorkosten... Umgekehrt verhält es sich mit der
menschlichen Arbeit: Deren Produktionsmächtigkeit ist, je nach Wirtschaftssektor,
um einen Faktor 5 bis 10 kleiner als der Kostenanteil der Arbeit. Nur für das Kapital
sind Produktionselastizität und Faktorkostenanteil in etwa im Gleichgewicht."
[9, S. 54] (2) Diese Argumentation beruht auf der Annahme, dass eine Diskrepanz zwischen Produktionsmächtigkeit und Faktorkostenanteil zwangsläufig zu einer stärkeren Nachfrage nach dem "unterbewerteten" Produktionsfaktors führt und dadurch einen Ausgleich erzwingt. Diese aus der Mechanik entliehene Argumentation beruht implizit auf zwei anderen Grundannahmen: dass erstens diese Substitutionsvorgänge vernachlässigbar schnell ablaufen, und zweitens die Produktionsfaktoren ohne Einschränkungen untereinander substituiert werden können. Die erste Annahme ist vor allem eingeschränkt durch die jeweils gegebenen technologischen und sozialen Grenzen, die zweite durch den ersten Hauptsatz der Thermodynamik, demzufolge Energie nicht beliebig durch Kapital ersetzt werden kann. Dazu siehe [10] und [9; S. 12, 55, 94] (3) Die entscheidenden Produktionsfaktoren sind aus neoklassischer Sicht die Faktoren Arbeit mit durchschnittlich 65 Prozent Kostenanteil und Kapital (die Produktions- und informationsverarbeitenden Anlagen sowie Gebäude) mit durchschnittlich 30 Prozent der Gesamtkosten (bezogen auf die Bruttowertschöpfung. Nicht zu verwechseln mit dem Bruttoproduktionswert, der ein Mehrfaches der eigentlichen Bruttowertschöpfung darstellt. Zu diesem häufigen Missverständnis siehe [12]) (4) Diese besagen sinngemäß: "Nichts kann auf der Welt geschehen ohne Energieumwandlung und Entropieproduktion" und: "Energieumwandlung bewegt die Welt". [9; S. 12 f.] (5) Das Ergebnis einer Zukunftstagung, zu der Gorbatschow 1995 fünfhundert führende Politiker und Wirtschaftsbosse eingeladen hatte, wurde von den Teilnehmern auf zwei pragmatische Begriffe gebracht: "20:80" und "Tittytainment". "20 Prozent der arbeitsfähigen Menschen würden im kommenden Jahrhundert ausreichen, um die gesamte Weltwirtschaft zu betreiben." Der Rest müsse, ausreichend ernährt an staatlicher Brust, bei Laune gehalten werden. [16, S.12 f.] Das Bezeichnende an dieser Prognose ist die Tatsache, dass niemand der Beteiligten sie in Frage stellte. Als wäre es ein Naturgesetz. Eine direkte Folge der eingeschränkten Sichtweise durch das vorherrschende wirtschaftstheoretische Paradigma. (6) Dabei sind zwei gegenläufige Grundsätze zu beachten: zum einen braucht die Wirtschaft Zeit zur Umstellung auf neue Rahmenbedingungen, zum anderen zwingt die extreme Schieflage (siehe These 3) zu zügigen Reformschritten, um die Weichen für zukünftige Investitionen in eine andere Richtung zu lenken. (7) Der Solarenergie-Förderverein Deutschland (SFV) schlägt vor, die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung vollständig durch Energiesteuern zu ersetzen; verbunden mit der Einführung eines Energiegeldes, welches die durchschnittlichen Mehrkosten pro Kopf der Bevölkerung ausgleicht. Siehe Reform-Modell. (8) Der mit den hohen Lohnkosten begründete Zwang zu ständig steigender Arbeitsproduktivität führt in eine Sackgasse. Mit steigender Produktivität sinkt der Bedarf an Arbeitskräften. Dies zwingt zu fortgesetztem Wirtschaftswachstum, um die Arbeitslosigkeit in Grenzen zu halten. Was Ökonomen bisher nebulös als unvermeidliche Folge des wissenschaftlich-technischen Fortschritts umschreiben, wird aus der in These 3 beschriebenen Schieflage zwischen den Produktionsfaktoren Arbeit und Energie eindeutig erklärbar. (9) Damit bliebe die bedrohliche Schieflage zwischen Energie und Arbeit. (10) Die Größe der Schieflage (siehe Karikatur) macht deutlich, dass die neoliberale Strategie des Sozialabbaus nicht geeignet ist, dieses Problem zu lösen. Wir brauchen eine weitaus effektivere Strategie: die Entlastung des Faktors Arbeit von hohen Steuern und Abgaben, eine Besteuerung der Produktionsfaktoren gemäß ihrer Leistungsfähigkeit, Energiesteuern statt hoher Sozialabgaben. (Siehe Reformmodell) (11) Eine Berechnung des SFV zeigt, dass die überwiegende Mehrzahl der Branchen zu den Gewinnern zählen würde. Verlierer sind lediglich die rohstoffintensiven (gleichzeitig arbeitsplatzminimierten) Branchen.[15] (12) Deutlich am Negativbeispiel "Aufbau Ost". Dieser wäre weitaus sinnvoller über Energiesteuern zu finanzieren anstelle der jetzigen Solidarabgabe. Der Unterschied liegt in der Lenkungswirkung auf Arbeitsmarkt und Energieeffizienz. Eine Wende lohnt auch jetzt noch - schließlich sind es noch elf Jahre bis zum Auslaufen des Aufbau-Ost-Programms. (13) Wie dem alten "Solidarprinzip". Eine Neudefinition ist schon deshalb notwendig, weil bisher nur der Faktor Arbeit zur Finanzierung herangezogen wird. Was die Wirtschaft schon aus Kostengründen dazu ermuntert, den teuren Faktor Arbeit durch "Energiesklaven" zu ersetzen, für die keinerlei "Solidarabgaben" zu zahlen sind.
[1] Kümmel, R.: Energie und Kreativität, Teubner, Leipzig 1998 [2] Lindenberger, D.; Eichhorn, W.; Kümmel, R.: Energie, Innovation und Wirtschaftswachstum, Zeitschrift für Energiewirtschaft 25 (2001), S. 273 - 282 [3] R.Kümmel, J.Henn, D.Lindenberger: “Capital, labor, energy and creativity: modeling innovation diffusion”, Structural Change and Economic Dynamics 13 (2002) 415 [6] R. Kümmel, D. Lindenberger, W. Eichhorn, „The Productive Power of Energy and Economic Evolution“, Indian Journal of Applied Economics 8, 231-262 (2000), [7] D. Lindenberger, „Wachstumsdynamik industrieller Volkswirtschaften: Energieabhängige Produktionsfunktionen und ein ein faktorpreisgesteuertes Optimierungsmodell“, Hochschulschriften Band 61, Metropolis -Verlag, Marburg, 2000; [8] D. Lindenberger, „Economic growth, energy utilization and environmental efficiency“, Habilitation Thesis, Faculty of Economics and Social Sciences, University of Cologne, 2003. [9] R. Kümmel: Energie und Wirtschaftswachstum, Skriptum zur Vorlesung "Thermodynamik und Ökonomie" an der Universität Würzburg. (Das Manuskript ist auf der Homepage von Reiner Kümmel zu finden. Zugangsdaten über kuemmel@physik.uni-wuerzburg.de) [10] J. Grahl und R. Kümmel: Produktionsfaktor Energie - Der stille Riese (13.07.06) [11] R. Kümmel: "Umsteuern durch Energiesteuern", Vortrag 16.03.2004 in der Bischöflichen Akademie Aachen. [12] J. Grahl und G. Hübener: Arbeitskostenanteil nur 20 Prozent? Wie unklare Begrifflichkeiten in die Irre führen. (März 2006) [13] G. Hübener: Hoffnungsvoll in den Abgrund. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Thesen von Götz Werner. (Januar 2007) [14] G. Hübener: Grundeinkommen oder Energiesteuerreform? Leserbriefe und Anworten zum Artikel "Hoffnungsvoll in den Abgrund" [15] W. v. Fabeck: Gewinner und Verlierer unter den Wirtschaftszweigen. (30.05.06) [16] Martin/Schumann: “Die Globalisierungsfalle“ Rowohlt 1996
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