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Reform-Modell

1. Die Ausgangslage

Quantitative Untersuchungen zu Produktion und Wirtschaftswachstum in Deutschland, Japan und den USA weisen nach, dass der billige Produktionsfaktor Energie weitaus produktionsmächtiger ist als der teure Faktor Arbeit.  „Energie ist billig und produktionsmächtig. Arbeit ist teuer und produktionsschwach (1)… Darum wird jedes Unternehmen, das der Wettbewerb zur Minimierung seiner Produktionskosten anhält, versuchen, mit möglichst wenigen Mitarbeitern auszukommen und die anfallenden Arbeiten den in den Wärmekraftmaschinen und Transistoren des Kapitalstocks werkelnden Energiesklaven aufzubürden. Oder es weicht in andere Länder aus, in denen die Arbeitskosten deutlich niedriger sind.“ [4, S. 77 f.]

doppelte schieflage

Abb. 1: Produktionsmächtigkeit(1) und Kostenanteil der Produktionsfaktoren Arbeit und Energie. Siehe auch die anschauliche Karikatur zu diesem grundlegenden Problem. (Die Produktionsfaktoren Kapital und Kreativität sind hier nicht dargestellt.) Es ist dringend geboten, die Schieflage durch eine Verringerung der Kostenbelastung des Faktors Arbeit zu reduzieren.

 

2. SFV-Vorschlag

Der Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV) schlägt vor, die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung durch Energiesteuern zu ersetzen, verbunden mit der Zahlung eines Energiegeldes pro Kopf der Bevölkerung.
Der Vorschlag im Detail:

  • Energiesteuern 12 Cent/kWh Endenergie für Wirtschaft und Verbraucher (2)
  • Absenkung der Arbeitgeber-Beiträge zur Sozialversicherung von bisher ca. 195 Mrd. Euro auf Null
  • Rückzahlung der durchschnittlichen Mehrbelastung durch ein Energiegeld pro Kopf der Bevölkerung (3)

 

sfv-lohnkosten

Abb. 2: Veränderung der Lohnkosten bei Realisierung des SFV-Vorschlags.

Deutlich wird: auch nach der Realisierung des SVF-Modells belasten die Sozialabgaben der Arbeitnehmer und die Lohnsteuern die Lohnkosten erheblich.

 

sfv-abgaben

Abb. 3: Veränderung der Abgabenbelastung der Produktionsfaktoren Arbeit und Energie:

  • bisher 12 : 1 (Arbeit 699,0 Mrd. Euro, Energie 57,7 Mrd. Euro) (4)
  • auf 2 : 1 (Arbeit 504,0 Mrd. Euro, Energie 252,7 Euro)

(Für den SFV- Vorschlag wurde das jetzige Gesamtaufkommen an Steuern und Abgaben zugrunde gelegt. Der Faktor Kapital wurde hier nicht betrachtet.)

 

sfv-faktorkosten

Abb. 4: Die anteiligen Faktorkosten würden sich wie folgt verändern:

  • Arbeit: von bisher 1302,5 Mrd. Euro (5) auf 1107,5 Mrd. Euro (von 59,0 auf 50,2 Prozent)
  • Energie: von bisher 149,1 Mrd. Euro auf dann 344,1 Mrd. Euro (von 6,8 auf 15,6 Prozent)

(Für den SFV-Vorschlag wurden wie bei Abb. 3 die jetzigen Gesamtsummen zugrunde gelegt.)

 

3. Schlussfolgerung

Auch nach dieser vergleichsweise großen Umschichtung der Abgabenlast - zum Vergleich: hier geht es um eine Umschichtung von 195 Mrd. Euro gegenüber 18 Mrd. Euro im Rahmen der Ökologischen Steuerreform - bleibt eine klare Schieflage sowohl bei der Abgabenbelastung als auch bei den Faktorkosten zulasten des Faktors Arbeit. Das widerlegt den Vorwurf, eine solche Reform wäre zu radikal. (6) Allerdings ist zu erwarten, dass sich mit der Reform auch die Produktionsmächtigkeiten der Faktoren verändern werden.

 

Fußnoten:

(1) Reiner Kümmel hat statt des bei den Wirtschaftswissenschaften üblichen Begriffs Produktionselastizität aus Gründen der besseren Anschaulichkeit den Bezeichnung Produktionsmächtigkeit eingeführt.

(2) Überschlägige Berechnung: der jährliche Energieverbrauch in Deutschland beträgt ca. 2.500 Mrd. KWh (Endenergie). Etwa zwei Drittel, also 1.650 Mrd. kWh, davon entfallen auf Wirtschaft und den öffentlichen Bereich.

Höhe der Energiesteuer: 195 Mrd. Euro / 1.650 Mrd. kWh = 11,8 Cent /kWh

Anmerkung: Die Absenkung der AG-Beiträge wird also allein aus den Energiesteuerzahlungen der Arbeitgeber finanziert. Zurück.

(3) Höhe des Energiegeldes (bezogen auf den privaten Gesamtenergieverbrauch, also 850 Mrd. kWh):
850 Mrd. kWh * 0,118 Euro/kWh = 100,3 Mrd. Euro / 82 Mio. Einwohner = 1.223 Euro /Jahr oder ca. 100 Euro pro Monat. Diese Summe sinkt natürlich mit der erwünschten Reduzierung des durchschnittlichen Verbrauchs.

Anmerkung: Dieses Modell knüpft an das Öko-Bonus-Konzept an: die durchschnittliche Belastung bleibt gleich, Energiesparen wird jedoch mit entsprechenden Mehreinnahmen durch das Energiegeld belohnt. Zurück

(4) Tabelle 1: Höhe der Steuern und Abgaben 2004 und Zuordnung zu den Faktoren Arbeit und Energie (der Faktor Kapital wurde hier nicht betrachtet):

Steuern/Abgaben

Summe

Anteil Arbeit

Anteil Energie

Sozialbeiträge

449,51

449,5

-

Lohnsteuer

158,3

158,3

-

Umsatz- und Einfuhrumsatzsteuer

137,42

81,1

9,3

Solidaritätszuschlag

10,1

10,1

-

Stromsteuer und Mineralölsteuer

48,4

-

48,4

Sonst. Steuern

125,3

-

-

Summe

929,0

699,0

57,7

Anteil in %

100,0

75,2

6,2

Summe nach SFV-Vorschlag
929,0
504,0
252,7
Anteile nach SFV-Vorschlag (%)
100,0
54,9
27,2

Quelle: Statistisches Bundesamt [1], [2]

1 Summe Sozialbeiträge an inländ. Sektoren (incl. Sozialbeiträge an private Sozialschutzsysteme und unterstellte Sozialbeiträge, wie z.B. die soziale Absicherung der Beamten) [1, Tab. 3.4.4.5 ]

2 Umsatzsteuer = 104,7 Mrd. Euro, Einfuhrumsatzsteuer = 32,7 Mrd. Euro. Die anteilmäßige Belastung der  Faktoren Arbeit und Energie wurde entsprechend den Kostenanteilen der Faktoren am Bruttoinlandsprodukt vorgenommen. Für die eingeführten Waren wurden der Einfachheit halber die gleichen Kostenanteile zugrunde gelegt. (Der Faktor Kapital wurde hier nicht aufgeführt)

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(5) Tabelle 2: Kostenanteile Arbeit und Energie am BIP 2004

Kostenart

BIP

Arbeit

Energie

Kosten vor Steuern (Mrd. Euro)

-

603,51

91,42

Steuern und Abgaben (Mrd. Euro)

-

699,03

57,73

Summe
(Mrd. Euro)

2207,2

1302,5

149,1

Anteil in %

100

59,0

6,75

Summe nach SFV-Vorschlag
 
1107,5
344,1
Anteil in %
 
50,2
15,6

1 Nettolöhne und Gehälter [1, Tab. 2.1.8]

2 Stat. BA: Auszug aus der Verwendungstabelle 2004 in jeweiligen Preisen (Arbeitstabelle des Statistischen Bundesamtes)

3 Siehe Tabelle 1

Quelle: Stat. BA

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(6) Damit knüpfen wir nur an eine alte Erkenntnis aus der Ökosteuerdiskussion an: „Umweltsteuern können dagegen auf eine Höhe anwachsen, die mindestens eine Größenordnung höher liegt als die gegenwärtigen Sonderabgaben. Selbst ein Faktor 100 gegenüber den heutigen Sonderabgaben ist rechtlich möglich und wirtschaftlich vertretbar.“ Ernst Ullrich von Weizsäcker [3]

 

Quellen:

[1] Statistisches Bundesamt, Fachserie 18, Reihe 1.4, 2006 (Über Publikationsservice des StBA)

[2] Stat. BA, Fachserie 14, Reihe 4, 4.Vj u. Jahr 2004

[3] Ernst U. von Weizsäcker: Erdpolitik, 2.Auflage 1990, S.161

[4] Reiner Kümmel: Energie und Wirtschaftswachstum, Skriptum  zur Vorlesung "Thermodynamik und  Ökonomie" an der Universität Würzburg. (Das Manuskript ist auf der Homepage von Reiner Kümmel zu finden. Zugangsdaten über kuemmel@physik.uni-wuerzburg.de)