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Nachfolgend einige Beispiele zu den Dogmen der Wirtschaftslehre, denen die Politik bewußt oder unbewußt folgt. Beispiel 1: Zum Dogma, die Produktionsfaktoren seien untereinander beliebig austauschbar. Paul A. Samuelson (Ökonomie-Nobelpreisträger 1970) und W. Nordhaus formulieren dieses Dogma in ihrer berühmten ”Volkswirtschaftslehre“ wie folgt: ” Ökologen argumentieren immer wieder, dass Energie und andere natürliche Ressourcen wie unberührte Natur oder Urwälder ganz besondere Formen von Kapital sind, die unbedingt bewahrt werden müssen, um ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu gewährleisten. Dieser Ansicht können sich Ökonomen nicht anschließen, denn sie betrachten die natürlichen Ressourcen einfach nur als eine weitere Kapitalform, die die Gesellschaft ebenso wie schnelle Computer, Humankapital in Form gut ausgebildeter Arbeitskräfte oder technologisches Know-How in ihren Wissenschaftlern und Technikern besitzt.“ [1, S. 407]) Und der Ökonomie-Nobelpreisträger Robert Solow schrieb 1974: ”Die Welt kann letzten Endes auch ohne natürliche Ressourcen zurecht kommen“. Freilich räumt auch er ein: ”Sollte allerdings die reale Wertschöpfung pro Ressourceneinheit begrenzt sein [...], dann ist die Katastrophe unvermeidlich.“ [2] (Aus: Jürgen Grahl: Die 300 Milliarden-Euro-Chance) [3]
Beipiel 2: Die Bewertung zukünftiger Schäden durch die volkswirtschaftlichen Modelle: "So bewerten viele wirtschaftswissenschaftliche Modelle die heute verursachten aber erst in der Zukunft auftretenden Schäden nach dem “Esau-Prinzip”. Die damit bezeichnete individuelle Zeitpräferenz existiert schon seit biblischen Zeiten. (1). Gemäß dieser Zeitpräferenz wird gegenwärtiger Nutzen höher eingeschätzt als zukünftiger Nutzen oder auch Schaden – den Wirtschaftsethikern zum Trotz, die vom Skandal der Zukunftsdiskontierung sprechen. Träten z.B. in 150 Jahren infolge des anthropogenen Treibhauseffekts wegen eines Abschmelzens des westantarktischen Eisschelfs und der Überflutung tief liegender Küstengebiete globale Schäden in Höhe von 2000 Mrd. $ 1971 auf,(2) was etwa dem Doppelten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der USA im Jahre 1971 entspricht, und diskontierte man diese Schäden mit einem Diskontsatz von 4% auf die Gegenwart ab, so entsprächen sie nur einem Sechstausendstel des BIP der USA – oder etwa dem Wert von 20 CO2-entsorgten Kohle-Kraftwerken zu je 140 MW. Mehr zur Kompensation oder Abwendung dieser Zukunftsschäden heute zu investieren, wäre ökonomisch nicht rational." (Aus: Reiner Kümmel: Energie und Wirtschaftswachstum [5, S. 33])
Beispiel 3: Unterbewertung der Nahrungsgüterproduktion. "Ein zweites Beispiel für die Kurzsichtigkeit im Blick auf Preis und Wert
schildert das ehemalige Mitglied des Direktoriums der Weltbank, Herman Daly, in
seinem Artikel "When smart people make dumb mistakes" [4], in dem er Äußerungen
der Wirtschaftswissenschaftler W. Nordhaus (Yale University), W. Beckerman
(Oxford University) und T.C. Schelling (Harvard University, ehem. Präsident der
American Economic Association, Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft 2005) berichtet.
Diese hochangesehenen und einflussreichen Vertreter ihres Faches haben die
Risiken des anthropogenen Treibhauseffekts (ATE) aus ökonomischer Sicht bewertet. Dabei gehen sie von der Tatsache aus, dass zur Zeit die Landwirtschaft nur 3
Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (GNP) der USA beiträgt – ähnlich niedrig liegt ihr Beitrag auch in den anderen industriell hochentwickelten OECD-Ländern – und
sie nehmen an, die Landwirtschaft sei praktisch als einziger Wirtschaftszweig von
den Folgen des ATE (Anthropogener Treibhauseffekt) betroffen... Im Originaltext: “there is no way to get a very large effect on the US economy” (Nordhaus), “even if net output of agriculture fell by 50% by the end of next century this is only a 1.5% cut in GNP” (Beckerman), und “If agricultural productivity were drastically reduced by climate change, the cost of living would rise by 1 or 2%, and at a time when per capita income will likely have doubled” (Schelling). Dieser Risikoeinschätzung entgeht, dass bei drastischer Verknappung der Nahrungsmittel deren Preise natürlich explodieren und den heute eher marginalen Beitrag der Landwirtschaft zum Bruttoinlandsprodukt in die Höhe treiben werden. Vergessen scheint, dass schon immer schwere Wirtschaftskrisen mit Hungersnöten einhergingen." (Aus: Reiner Kümmel: Energie und Wirtschaftswachstum [5, S. 33 f.])
Beispiel 4: Die erste Ölkrise: Der Widerspruch zwischen Theorie und Praxis "Ähnlich gering wie die Nahrung bewertet die Standard-Ökonomie auch die Bedeutung der Energie für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen. In beiden Fällen klaffen gegenwärtiger Marktpreis und der Wert für Leben und Wirtschaft weit auseinander." Ein klassisches Beispiel dafür ist die Reaktion der neoklassischen Ökonomie auf die erste Ölkrise von 1973 bis 1975. Nach der Theorie kann der beobachtete Rückgang der Industrieproduktion (in den USA um 5,3 %) nicht mit dem Rückgang des Energieeinsatzes (in den USA um 7,3 %) zusammenhängen. Denn: Nach der Theorie entspricht das Gewicht des Produktionsfaktors seinem Kostenanteil. Bei einem Kostenanteil der Energiekosten von 5 % dürfte der Rückgang des Energieeinsatzes um 7,3 % nur zu einer Reduzierung der Industrieproduktion um 7,3 %* 5 % = 0,37 % führen. Die tatsächliche Reduzierung der Industrieproduktion war aber um das 14fache höher, nämlich 5,3 %." „Folglich könne der Rückgang des Energieeinsatzes in dieser Zeit nichts mit dem konjunkturellen Einbruch zu tun haben, so Denison (ein amerikanischer Ökonometriker). Diese Meinung ist repräsentativ. Bis heute gilt in der Ökonomie die erste Energiekrise als im Grunde genommen unverstanden.“ (Nach: Reiner Kümmel: Energie und Wirtschaftswachstum [5, S. 36 f.])
Fußnoten: (1) Zur Erinnerung: Esau war als Sohn Isaaks und Enkel Abrahams vor seinem Zwillingsbruder Jakob geboren worden. Er besaß das Recht der Erstgeburt, das Vorzugsrecht auf das Erbe. Eines Tages kam er von der Jagd hungrig nach Hause, wo Jakob gerade ein Linsenmus kochte. Esau sagte zu Jakob: “Lass mich doch rasch von dem roten Essen da kosten, denn ich bin erschöpft.” Jakob entgegnete: “Verkaufe mir heute noch Deine Erstgeburt.” Esau dagegen: “Ich wandele so einher und muss doch sterben! Was soll mir da die Erstgeburt?” Und um seinen gegenwärtigen Hunger zu stillen, verkaufte er eine Verheißung für die Zukunft. – Jakob erhielt den seinem Bruder zugedachten väterlichen Segen und wurde der Stammvater Israels. (2) Diese Schätzung aus den 1970er Jahren geht auf die Klimaforscher Chen und Schneider vom Quellen: [1] Samuelson, P.; Nordhaus, W.: Volkswirtschaftslehre, Ueberreuther, Frankfurt / Wien 1998 [2] Solow, R.M.: The economics of resources and the resources of economics, The American Economic Review 64 (1974), 1-14 [3] Grahl, Jürgen.: Die 300-Milliarden-Euro-Chance [4] H. Daly, When Smart People Make Dumb Mistakes, Ecological Economics 34 [5] Reiner Kümmel: Energie und Wirtschaftswachstum, Skriptum zur Vorlesung "Thermodynamik und Ökonomie" an der Universität Würzburg. (Das Manuskript ist auf der Homepage von Reiner Kümmel zu finden. Zugangsdaten über kuemmel@physik.uni-wuerzburg.de) |
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