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Immer wieder soll mit statistischen Zahlen bewiesen werden, dass die Arbeitskosten nur einen geringen Anteil an den Gesamtkosten der Unternehmen ausmachen würden. Warum also dann die Aufregung um die angeblich zu hohen Arbeitskosten in Deutschland? Leider werden hier statistische Bezugsgrößen sinnentstellt verwendet. Mit schwerwiegenden Folgen. Arbeitskostenanteil nur 20 Prozent?Wie unklare Begrifflichkeiten in die Irre führenVon Jürgen Grahl und Gerhard Hübener
(März 2006)
In einem Spiegel-Interview hat Umweltminister Gabriel kürzlich erklärt:
Nun hat Gabriel mit dem Appell, lieber Kilowattstunden statt Menschen arbeitslos zu machen, aus sozialer wie aus ökologischer Sicht natürlich völlig Recht. Sein Versuch, dies auch ökonomisch zu begründen, muss jedoch unter den heutigen Rahmenbedingungen - leider - scheitern: Die Kosten des Produktionsfaktors Arbeit haben in den Industrieländern typischerweise einen Anteil von 65% bis 70% an der Bruttowertschöpfung, während die Energiekosten nur etwa 5% der Bruttowertschöpfung betragen ([1], [6], S. 626 und [10]). Es stellt sich daher die Frage, worauf sich Gabriels Aussage von den 20% Lohn- und 50% Material- und Energiekosten gründet. Herr Gabriel verwendet offensichtlich eine andere statistische Bezugsgröße. Seine Zahlen sind auch durchaus korrekt. Nur beziehen sie sich anscheinend auf den Produktionswert und nicht auf die BruttoWertschöpfung. Diese Betrachtungsweise ist sogar weit verbreitet. Man sollte freilich wissen, zu welchem Zweck man mit welchen Zahlen argumentiert. Denn der Unterschied zwischen beiden Begriffen ist erheblich, auch wenn sie für Laien zum Verwechseln ähnlich klingen. Der Produktionswert ist eine rein statistische Größe: etwas vereinfacht der Umsatz aller verkauften Waren und Dienstleistungen. Darin stecken allerdings erhebliche Mehrfachzählungen an Produkten, die ihrerseits als so genannte “Vorleistungen” von einem anderen Werk eingekauft und weiterverarbeitet werden.
Um ein Beispiel zu geben: Für die Automobilindustrie fließt in den Produktionswert der Branche nicht nur der Wert des fertigen Autos, sondern zusätzlich noch einmal der Wert der von Zulieferern hergestellten und verkauften Bauteile wie Getriebe, Reifen, Sitze usw. ein; und zusätzlich zum fertigen Getriebe finden auch dessen eingekaufte Bestandteile wie Kugellager, Zahnräder, Schrauben usw. noch einmal eigens Berücksichtigung. Um die BruttoWertschöpfung zu erhalten, die die reale Eigenleistung der Branche widerspiegelt, müssen alle wechselseitigen Vorleistungen abgezogen werden. Zur Illustration des Ausmaßes der Mehrfachzählungen: Im Verarbeitenden Gewerbe betrug 2003 die BruttoWertschöpfung lediglich 33,5% des Bruttoproduktionswertes ([9], Tabelle 3.2.7).
Ebenso irreführend bei der Verwendung der Bezugsgröße Produktionswert ist der Umstand, dass die Vorleistungen auf der jeweils nächsten Stufe pauschal als “Materialkosten” geführt werden. Darin verschwunden sind alle für die Produktion dieser Vorleistung angefallenen Faktorkosten für Personal, Kapital (Maschinen, Produktionsanlagen etc.) und Energie. Die von Gabriel genannten Relationen (hohe Materialkosten, geringe Personalkosten) erklären sich somit schlicht aus der Tatsache, dass auf jeder einzelnen Stufe der Wertschöpfungskette vor allem Personalkosten in Materialkosten umgewandelt werden. Die Angaben des Statistischen Bundesamtes machen den Unterschied deutlich: Im Produzierenden Gewerbe lag 2003 der Anteil der Arbeitskosten am Produktionswert bei knapp 25%. Bezogen auf die BruttoWertschöpfung betrug dieser Anteil jedoch fast 70% [9](Tabelle 3.2.7. siehe Tabelle unten). Im Automobilbau ist dieser Unterschied besonders augenfällig. Hier haben die Arbeitskosten am Produktionswert einen Anteil von lediglich 21%. [9] Das ist die Zahl, die in der Öffentlichkeit häufig genannt wird - vor allem, wenn nachgewiesen werden soll, dass die Personalkosten doch nur eine untergeordnete Rolle spielen würden. Wenn man aber den Wert aller Vorleistungen abzieht, ergibt sich ein völlig anderes Bild: bezogen auf die BruttoWertschöpfung, den Wert also, der den Vorleistungen durch Bearbeitung in der deutschen Automobilbranche hinzugefügt worden ist, lag der Anteil der Arbeitskosten bei knapp 78%! [9]. Damit sollte klar sein, dass es nicht gleichgültig ist, mit welchem Begriff wir argumentieren. Wenn man wissen will, welche Bedeutung die Personalkosten für den Produktionsstandort Deutschland haben (im Vergleich z.B. mit konkurrierenden Standorten in Osteuropa), sollte man sich besser auf die BruttoWertschöpfung beziehen. Beim Bezug auf den Produktionswert kommt man nämlich zu folgendem absurden Ergebnis: Je mehr die Zulieferindustrie aus Deutschland abwandert (vor allem wegen der hohen Arbeitskosten in Deutschland), desto höher wäre der Anteil der Vorleistungen (der sogenannten “Materialkosten”) und desto geringer der Anteil der Arbeitskosten. Fazit einer solchen Analyse: Je stärker die Wirtschaft aus Deutschland abwandert, desto weniger müssten wir bei den Personalkosten etwas ändern. Eine Argumentation, die nur in den Abgrund führen kann...
Tabelle 1: Auszug aus [9]: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, Tabelle 3.2.7: Produktionswert, Wertschöpfung und Arbeitnehmerentgelt 2003 Anmerkungen: Der Anteil der Arbeitskosten an der realen Wertschöpfung findet sich in der letzten Spalte. Herr Gabriel und die Gewerkschaften argumentieren dagegen mit der Bezugsgröße Produktionswert in Spalte 5.Das Arbeitnehmerentgelt umfasst alle relevanten Arbeitskosten.
Schließlich bedarf Gabriels Argumentation noch in anderer Hinsicht der Präzisierung: Aus einem bloßen Vergleich der Kostenanteile lassen sich noch keine wirklichen Rückschlüsse darauf ziehen, bei welchem Produktionsfaktor sich Einsparungen eher rentieren. Hierzu müsste man vielmehr neben den jeweiligen Kostenanteilen auch die wirtschaftlichen “Leistungsfähigkeiten” der Produktionsfaktoren kennen. Als Maß hierfür können die sog. Produktionselastizitäten dienen, welche die Gewichte angeben, mit denen relative Veränderungen des Faktorinputs auf die Wertschöpfung durchschlagen. Ökonometrische Untersuchungen einer interdisziplinären Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern der Universitäten Karlsruhe, Köln und Würzburg und der European School of Business Administration in Fontainebleau kommen nun aber gerade zu dem Ergebnis, dass die Produktionselastizität des Faktors “menschliche Arbeit” deutlich hinter dem entsprechenden Wert des Faktors Energie zurückhinkt: Demzufolge lag im Mittel der letzten Jahrzehnte die Produktionselastizität der menschlichen Arbeit in den Volkswirtschaften von Deutschland, Japan und den USA in einer Größenordnung von ca. 15%, die der Energie hingegen bei fast 50% ([3], [4], [5]). Diese Werte offenbaren ein krasses Missverhältnis zu den o.g. Kostenanteilen (Arbeit 65-70%, Energie unter 5%). Diese Schieflage, welche arbeitssparende und ressourcenverprassende Produktion betriebswirtschaftlich rentabel macht, ist der tiefere Grund dafür, weshalb die gutgemeinten Aufrufe zur Energie- und Ressourceneinsparung heute so oft ungehört verhallen. Bloße Appelle an die Adresse der Wirtschaft haben nur selten etwas gefruchtet. Schon gar nicht, wenn man diese auf dem Gebiet der Kostenrechnung belehren will. Sinnvoller wäre es, wenn Herr Gabriel seinen Einfluss in der Bundesregierung nutzen würde, um die realen Kostenverhältnisse so zu verändern, dass seine Vision, Kilowattstunden einzusparen statt Arbeitskräfte, tatsächlich auch betriebswirtschaftlich sinnvoll würde. Dies wäre möglich, wenn sich die Steuer- und Abgabenlast an der Leistungsfähigkeit der Produktionsfaktoren orientieren würde: weg vom Faktor Arbeit, hin zum Faktor Energie. [2] Quellen: [2] W. v. Fabeck: Arbeitsplätze und soziale Gerechtigkeit - Aber wie? Solarbrief 1/05, S. 14-20 [3] J. Henn, R. Kümmel, D. Lindenberger: Capital, labor, energy and creativity: modeling innovation diffusion, Structural Change and Economic Dynamics 13 (2002), S. 415-433 [4] R. Kümmel: Energie und Kreativität, Teubner, Leipzig 1998 [5] R. Kümmel: Energie, Wirtschaftswachstum und Beschäftigung - Umsteuern durch Energiesteuern, Solarbrief 1/04, S. 13-23 [6] P. Samuelson, W. Nordhaus: Volkswirtschaftslehre, Ueberreuther, Frankfurt 1998 [7] SPIEGEL 3/2006 [8] Statistisches Bundesamt (http://www.destatis.de/download/d/vgr/wichtige_zusammenhaenge.pdf) [9] Statistisches Bundesamt: Fachserie 18, Reihe 1.4, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung 2005 [10] Statistisches Bundesamt: Kostenstruktur der Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes, 2003, Fachserie 4, Reihe 4.3, Tabelle 5 (Absolutgrößen Energieverbrauch) und Tabelle 1 (Bruttowertschöpfung)
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