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The same procedure as last year? - The same procedure as every year!
Egoistisches Handeln bei den Klimakonferenzen folgt spieltheoretischer Logik
von Jürgen Grahl
Man benötigt keine prophetischen Fähigkeiten, um den Ausgang der
Kopenhagener Klimakonferenz vorherzusagen: Sie wird scheitern wie alle
ihre 14 Vorgänger seit 1992. Pardon, natürlich wird sie nicht
scheitern, sondern man wird weltbewegende Erklärungen darüber abgeben,
welch ernste Bedrohung und nie gekannte Herausforderung der Klimawandel
doch darstelle, wie sehr und mit welch tiefer persönlicher
Betroffenheit man sich der Notwendigkeit bewusst sei, entschlossen,
energisch, konsequent und ohne weiteren Zeitverlust, ohne um den heißen
Brei herumzureden und ohne die Weltgemeinschaft weiter mit unnützen
leeren, salbungsvollen Worthülsen zu quälen und einzulullen, wirksame
Gegenmaßnahmen einzuleiten, und so wird man den weltbewegenden
Beschluss fassen, eine Nachfolgekonferenz einzuberufen, auf der man
sich dann entschlossen, energisch, konsequent und ohne weiteren
Zeitverlust, ohne um den heißen Brei herumzureden...
Und so weiter in Endlosschleife. Mit solch beißender Kritik sollen nicht etwa die ehrenwerten Bemühungen
der vielen für ein internationales Klimaschutzabkommen streitenden
Akteure ins Lächerliche gezogen werden - zumal diese sich vermutlich
vielfach selbst der Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens zunehmend
bewusst sind und trotzdem aus Verantwortungsgefühl und vermeintlichem
Mangel an Alternativen weitermachen. Aber angesichts des bedrohlichen
Tempos, mit dem die Welt in die Klimakatastrophe hineinrast, ist es
schlicht allerhöchste Zeit, sich das totale Scheitern der
internationalen Klimadiplomatie einzugestehen, deren einzige - freilich
kontraproduktive - Wirkung bisher darin bestand, als Feigenblatt für
nationale Untätigkeit herhalten zu müssen, nach dem Motto "Global reden
- national aufschieben", wie Hermann Scheer es ausgedrückt hat. Dieses
- zugegeben bittere - Eingeständnis ist die Voraussetzung dafür,
endlich neue Wege zu beschreiten, um den Klimaschutz auch ohne
internationalen Konsens voranzubringen. Egoistisches Handeln der Beteiligten durch falschen Grundansatz begründetDazu bedarf es der Einsicht, dass das Scheitern nicht nur durch
Zukunftsblindheit und intellektuelle wie ethische Unreife der
Verantwortlichen verschuldet ist, sondern wesentlich auch durch einen
prinzipiell falschen Ansatz, demzufolge es darum gehen müsse, in einem
internationalen Abkommen feste Emissionsrechte für die einzelnen
Staaten zu vereinbaren, die dann im Rahmen eines Emissionshandels
verschachert werden können. Wir wollen darum einige wesentliche der in
früheren Artikeln ausführlich dargestellten Strukturfehler des
Emissionshandels noch einmal kurz beleuchten. Der Emissionshandel geht von der kurzsichtigen Prämisse aus,
Klimaschutz sei eine wirtschaftliche Last, die es möglichst gleichmäßig
zu verteilen gelte. Noch schlimmer ist, dass er übernommene
Reduktionsverpflichtungen tatsächlich in finanzielle Nachteile umsetzt
und es dadurch attraktiv macht, sich ihnen so weit wie möglich zu
verweigern: Jedem Staat muss daran gelegen sein, sich möglichst viele
Emissionsrechte zu sichern, denn diese sind ja bares Geld wert. Dies
gilt sogar für eine aus Klimaschutzperspektive "ideale" Regierung, die
nicht nur von der Dringlichkeit rascher Emissionsminderungen überzeugt,
sondern auch gewillt ist, dabei eine entschlossene nationale
Vorreiterrolle zu übernehmen und diese als große ökonomische Chance und
nicht als "Last" begreift: Selbst sie wird im Interesse der Wirtschaft
ihres eigenen Landes bemüht sein, ihre Reduktionszusagen möglichst
unambitioniert zu halten - damit die Wirtschaft möglichst viele der
dann gar nicht benötigten Emissionsrechte verkaufen kann. (Dies
erklärt vielleicht auch das Verhalten der neuen US-Regierung, die in
Sachen Klimaschutz international wesentlich zögerlicher agiert als
national). Spieltheoretischer Zwang zum BremsenAuf diese Weise entsteht ein spieltheoretischer Zwang, auf den
internationalen Klimakonferenzen als Bremser aufzutreten; der
Klimaschutz wird letztlich den idealistischsten (oder
"unpatriotischsten") Staaten aufgebürdet, die die Interessen der
eigenen Wirtschaft am ehesten hintanstellen - was ebenso wirkungsarm
bleiben muss wie etwa die Finanzierung der Energiewende durch Ökostrom
kaufende Idealisten. Es ist nun einmal höchst ungeschickt, zunächst
potentielle Vermögenswerte in Form von Emissionsrechten zu generieren,
die natürlich für jeden Staat den Reflex auslösen, sich möglichst viele
davon sichern zu wollen - und dann zu hoffen, man könne diese gerade
neu geschaffenen und verteilten Rechte ernsthaft verknappen. Natürlich sieht sich auch so ziemlich jede wirksame Klimaschutzmaßnahme
auf nationaler Ebene (z.B. eine Energiesteuerreform) ebenfalls mit dem
Protestgeheul derjenigen konfrontiert, die Nachteile von ihr
befürchten, während die potentiellen Nutznießer sich meist still im
Hintergrund halten. Doch sind beide Situationen fundamental
unterschiedlich: Bei Maßnahmen im nationalen Rahmen mag es zwar
individuelle Verlierer und Gewinner geben, eine weitsichtige Regierung
kann sich aber immer noch darauf berufen, dass die Maßnahme für die
eigene Volkswirtschaft als Ganzes ökonomisch vorteilhaft ist - und sie
guten Gewissens gegen Widerstände durchsetzen. Internationale
Reduktionszusagen hingegen sind kaum als für das betreffende Land
ökonomisch sinnvoll zu rechtfertigen, denn sie bedeuten einen
unmittelbaren Verlust an Vermögenswerten in Form von Emissionsrechten;
und selbst wenn man mit den vermiedenen Schäden der Klimakatastrophe
argumentiert, so verteilt sich dieser Nutzeffekt auf die ganze Welt,
während die entgangenen Emissionsrechte das einzelne Land treffen.
Bekanntlich haben Umweltschutzbemühungen seit jeher mit dem Dilemma zu
kämpfen, dass kollektiv schädliches (umweltzerstörerisches) Handeln
individuell vorteilhaft ist. Wie unsere Betrachtungen zeigen, wird
dieses Dilemma durch den Emissionshandel (anders als von seinen
Erfindern beabsichtigt) nicht komplett entschärft, sondern in einem
wesentlichen Teilaspekt eher noch verschärft: Zwar kann er - sobald
erst einmal ambitionierte Reduktionsziele vereinbart sind - tatsächlich
zu einer Internalisierung der externen Kosten der Klimazerstörung
führen, nur wird es zu solchen Vereinbarungen gar nicht erst kommen,
denn das würde den beteiligten Regierungen ein Handeln abverlangen, das
zwar kollektiv nützlich, für ihr eigenes Land aber ökonomisch
nachteilig ist. Steuerung über den Börsenkurs gleicht einem VabanquespielEin zweiter grundlegender Strukturfehler des Emissionshandels besteht
darin, dass er direkt die Emissionsmengen zu steuern versucht. Von
Ökonomen wird gerade dies als sein großer Vorteil gepriesen, da damit
ja die Erfüllung der Reduktionsziele punktgenau garantiert sei. Außer
acht gelassen wird dabei, dass eine Mengensteuerung zwangsläufig die
Kontrolle über die Kosten der Reduktionen aufgibt, denn der
Zusammenhang zwischen Reduktion und Zertifikatspreisen ist natürlich
nur mit großen Ungenauigkeiten und Unsicherheiten bestimmbar. Hierbei
ist die Feststellung wesentlich, dass der Energieeinsatz angesichts der
fundamentalen Rolle der Energie als Produktionsfaktor nur recht
unelastisch auf steigende Preise reagiert; die Preise, die sich bei
einer Mengenregelung wie dem Emissionshandel am Zertifikatemarkt
bilden, hängen daher sehr empfindlich von der vorgegebenen Menge ab.
Die Steuerung über den Börsenkurs von Zertifikaten gleicht somit einem
Vabanquespiel; bei knappen Zertifikaten und hohen Börsenkursen wäre die
Wirkung ähnlich wie in vergangenen Ölkrisen: Es käme zu heftigen
Preisausschlägen, denen die Wirtschaft aber nicht sofort ausweichen
kann, da Investitionen in Klimaschutzmaßnahmen nur mit einer gewissen
Verzögerung greifen. Ähnlich wie bei den Ölkrisen würde sofort Druck
auf die Regierungen ausgeübt werden, zusätzliche Zertifikate auszugeben
oder den Emissionshandel auszusetzen. Oder der Schwarzmarkt würde mit
der "Emission" zusätzlicher Zertifikate reagieren. Und das Argument,
man könne sich gegen allzu starke Schwankungen der Zertifikatspreise
durch Futures absichern, klingt angesichts der jüngsten Erfahrungen mit
den destabilisierenden Wirkungen eines sich zunehmend von der
Realwirtschaft abkoppelnden Derivathandels eher wie eine Drohung: Der
Energiepreis würde den Spekulanten überlassen, die Emissionsrechte
horten und später teuer verkauft könnten... Preisregelungen sinnvoller als MengenregelungenSpätestens bei durch die Decke schießenden Zertifikatspreisen würde die
Verheißung einer punktgenauen Einhaltung der Reduktionsziele also
ohnehin unerfüllbar. Dabei kommt es darauf gar nicht an: Es gibt
nämlich keinen "richtigen" Reduktionspfad, an den sich sklavisch zu
halten irgendeinen Sinn ergäbe; jede weitere Emission von
Treibhausgasen ist eigentlich schon zu viel und führt uns tiefer in die
Katastrophe. Der einzig "richtige" Reduktionspfad kann daher nur der
schnellstmögliche sein. Was "schnellstmöglich" genau bedeutet, bemisst
sich dabei am technisch Möglichen und an der Leistungsfähigkeit der
Volkswirtschaften. Dies zeigt, dass es nicht darauf ankommt, die
Reduktionen punktgenau zu steuern, sondern die ökonomischen
Rahmenbedingungen so rasch und entschlossen wie irgend möglich zu
ändern, um alle verfügbaren volkswirtschaftlichen Ressourcen
(insbesondere die heute ungenutzten in Form von Millionen von
Arbeitslosen!) in Richtung Treibhausgasreduktion umzulenken. Hierfür
sind Preisregelungen (wie eine Energiesteuerreform oder EEG-artige
Regelungen), nicht Mengenregelungen der richtige Ansatzpunkt. Eine weitere, psychologisch fatale Wirkung des Emissionshandels hat
Hermann Scheer treffend beschrieben: "Der Begriff des 'Emissionsrechts'
macht aus einer bisher legal geduldeten Emission eine öffentlich
legitimierte. Die Duldung wurde immer damit begründet, dass es keine
Alternative gebe und Energie eben unverzichtbar ist. Die Geschichte des
Rechts zeigt, dass kein legaler Rahmen auf Dauer aufrecht zu erhalten
ist, wenn er als nicht mehr legitim empfunden wird. Nicht alles, was
rechtens ist, ist auch legitim. Mit der Erkenntnis, dass es die
Möglichkeit einer emissionsfreien Energieversorgung mit Erneuerbaren
Energien gibt, verlieren fossile Energien ihre Legitimität. Durch ein
völkerrechtlich verankertes System von quotierten und handelbaren
"Emissionsrechten" erscheinen jedoch nur noch die rechtlosen Emissionen
als illegitim. Denjenigen mit 'Emissionsrecht' wird die höhere Weihe
verliehen, dass sie integraler Bestandteil eines Weltrettungsversuchs
sind. Sie werden damit legitimatorisch aufgewertet und auf eine Stufe
mit den Erneuerbaren Energien gestellt, deren besondere Legitimation
dadurch relativiert wird." (H. Scheer, Das Kyoto-Syndrom und das Elend
der Energie- und Umweltökonomie, Solarzeitalter 1/2005, S. 18) Bedenkt man dies alles, dann kann man sich vielleicht leichter mit dem
Scheitern eines weiteren Klimagipfels abfinden. Um nicht missverstanden
zu werden: Natürlich wäre es ungleich besser, die Weltgemeinschaft
würde sich in einem Anfall von Erleuchtung auf ein entschlossenes
gemeinsames Vorgehen gegen die wohl größte Herausforderung der
Menschheitsgeschichte einigen. Nach Lage der Dinge ist damit freilich
nicht zu rechnen. So bleibt nur zu hoffen, dass jeder weitere
gescheiterte Klimagipfel die Einsicht befördert, dass sich der tote
Punkt, in den der Konsensualismus die Klimaschutzbemühungen
hineinmanövriert hat, wohl nur dadurch überwinden lässt, dass einzelne,
einsichtigere Länder nationale Vorreiterrollen übernehmen - und damit
demonstrieren, dass Klimaschutz keine Bürde, sondern eine große
ökonomische Chance ist.
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